Ein Liebeswunsch wird für den Protagonisten von Curry Barkers schrägem Horrorhit zum Bumerang
Am Puls des Genretrends
Wer im Horrorgenre bewandert ist, weiß nur zu gut: An Wünschen kann man sich die Finger verbrennen – oder Schlimmeres. Curry Barker, bekannt geworden als YouTube-Comedian, umarmt diese Gruseltrope in „Obsession - Du sollst mich lieben“, seinem zweiten abendfüllenden Spielfilm, mit großer Begeisterung und leitet aus ihr ein herrlich bizarres Beziehungsszenario ab. Sein Werk, das Mitte Mai 2026 anlief, knapp vier Wochen später schon auf weltweite Einnahmen von mehr als 300 Millionen Dollar blicken kann (und das bei einem kolportiertem Budget von 750.000 Dollar), ist eine ins Abgründige gewendete Romanze von ausgesuchter Garstigkeit, die zusammen mit Kane Parsons‘ (ebenfalls ein YouTube-Experte) surrealem Albtraum „Backrooms“ den Beweis erbringt, dass man das oft gescholtene Schauerkino keineswegs abschreiben sollte.
Was, wenn der Mensch, den du vergötterst, mit dem du Tag und Nacht zusammen sein möchtest, plötzlich wirklich in dich verschossen ist, dann aber höchst destruktive Verhaltensweisen an den Tag legt? Diese Frage liegt Barkers Leinwandstürmer zugrunde und bringt das geneigte Publikum zu Verwicklungen, die binnen Sekunden vom Absurd-Komischen ins Beunruhigend-Unheimliche kippen. Humor und Horror zu verbinden, beständig mit dem Tonfall zu spielen, ist im Genre seit geraumer Zeit schwer angesagt. „Companion - Die perfekte Begleitung“ und „Together - Unzertrennlich“ sind zwei Beispiele aus 2025, in denen dieses Konzept zudem mit eingehenden Paarbetrachtungen, einem satirischen Blick auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau kombiniert wird – was auch für „Obsession - Du sollst mich lieben“ gilt. Barker liegt also voll im Trend!
Hauptfigur des Films ist der etwas verdruckste Bear (Michael Johnston), den wir dabei kennenlernen, wie er mit seinem besten Kumpel Ian (Cooper Tomlinson) und einer ihm fremden Kellnerin in einem Diner einübt, seinem heimlichen Schwarm, der guten Freundin und Kollegin Nikki (Inde Navarrette), seine Gefühle zu gestehen. Betont kitschig ist Bears Gestammel, das ihn irgendwie sympathisch macht. Fast möchte man den unsicheren jungen Mann in den Arm nehmen und ihm Mut zusprechen. Ein cleverer Kniff des auch als Drehbuchautor in Erscheinung tretenden Regisseurs. Aber Vorsicht! Denn ganz so harmlos wie der Protagonist erscheint ist er in Wahrheit nicht.
Der Reihe nach: Als Bear vor einem Kneipenabend mit seiner Clique in einem Esoterikladen eine Kette für Nikki kaufen will, entdeckt er dort einen One Wish Willow genannten Artikel mit angeblich magischen Kräften. Das Versprechen: Bricht man den Zweig in der Verpackung durch und spricht dabei einen Wunsch aus, geht dieser in Erfüllung. Klingt verrückt? Ist es auch, funktioniert trotzdem, wie Bear einige Stunden später beim Heimkutschieren seiner Angebeteten feststellt. Weil er zum Abschied mal wieder nur Gebrabbel hervorbringt, macht er von dem erworbenen One Wish Willow in seiner Frustration kurzerhand Gebrauch, wünscht sich, dass Nikki ihn zu ihrem Traumprinzen erwählt. Und siehe da: Auf einmal drängt sie sich ihm regelrecht auf, will nicht mehr von seiner Seite weichen und beginnt, sein Leben auf exzessive Weise zu kontrollieren.
Ein zweifelhafter Held
Was schon auf dem Papier schön griffig klingt, entfaltet allein deshalb einen besonderen Reiz, weil Lachen und Schaudern oftmals fließend ineinander übergehen. Besonders gefordert in diesem Szenario ist Inde Navarrette, die ein erstaunlich breites Spektrum an Emotionen, und Gesichtsausdrücken abrufen muss. Mal agiert sie sympathisch kumpelhaft, mal ist sie in ihrer Rolle anhänglich-verschmust, dann wieder bockig und verletzlich oder aber erschreckend besitzergreifend und diabolisch. Keine Frage, ohne ihre eindringliche Performance würde „Obsession - Du sollst mich lieben“ nur halb so gut funktionieren. Kollege Michael Johnston macht seine Sache ebenfalls wunderbar. In Erinnerung bleibt einem aber vor allem Navarrettes große Show.
Dass wir uns nie lange sicher fühlen können, liegt auch an der die Nerven angreifenden Inszenierung. Von Anfang an legt Barker viel Augenmerk auf das Sounddesgin und schiebt den Tonregler immer wieder voll nach oben. Überspitzt formuliert: Manche Augenblicke kommen einer Attacke auf die Ohren gleich. Das ungewöhnliche 3:2-Bildformat verstärkt die sich langsam über das Geschehen legende klaustrophobische Stimmung, lässt Bear zunehmend wie einen Gefangenen seines fatalen Wunsches wirken. Und dann sind da noch die mit Bedacht gesetzten, blutigen Schockmomente, in denen der Regisseur den Hammer auspackt.
Wie schon erwähnt, macht Bear in seiner Verplantheit einen recht liebenswerten Eindruck. Doch das ist nur das, was an der Oberfläche liegt. Wer genauer hinschaut, erkennt: Der Film erzählt auch von einem Mann, der sich selbst für einen Romantiker hält, der jedoch nicht vor Missbrauch und toxischem Verhalten zurückschreckt, um seinen Traum zu verwirklichen. Das Auftreten der „neuen“ Nikki, also der Nikki, die unter dem Bann des One Wish Willows steht, mag übergriffig und furchteinflößend sein. Die erste krasse Grenzüberschreitung begeht allerdings Bear, indem er seine Wunschvorstellung mit Magie erzwingt und sich bereitwillig in die entstehende Partnerschaft stürzt. Gruselig: Selbst als zwischendurch kurz die „alte“ Nikki durchscheint und um Erlösung bittet, bereitet er dem Spuk kein Ende.
Zu schön ist die Gewissheit, das bekommen zu haben, wonach er sich schon lange gesehnt hat – auch wenn sich das Zusammensein völlig anders entwickelt als erträumt. Fast schon etwas zu salopp setzt sich Curry Barker mit diesem düsteren Aspekt seiner Geschichte auseinander. Das Leiden der vom One Wish Willow quasi eingesperrten „echten“ Nikki kommt unter dem Strich jedenfalls ein bisschen zu kurz.
Zu sehr wollen wir nicht mäkeln, aber erwähnen muss man es trotzdem: „Obsession - Du sollst mich lieben“ startet stark, geht vielversprechend weiter, tritt in der zweiten Hälfte aber irgendwann ein wenig auf der Stelle. Dem Regisseur und Drehbuchautor gehen zunehmend die Ideen aus, und schon vorher eingebaute Einfälle werden ohne große Variation recycelt. Ist das ein K.o.-Kriterium? Zum Glück nicht! Verglichen mit dem eingangs zitierten Horrorthriller „Backrooms“, der fast parallel zu Barkers Streifen an den Kinokassen einen Siegeszug hinlegen konnte, fällt die garstige Beziehungsdekonstruktion jedoch etwas ab.
Fazit
Ein schräger Horrorfilm über die Tücken des Verliebtseins, der vieles richtig macht, dessen Ideenreichtum gegen Ende allerdings versiegt. Dennoch: ein positiv hervorstechender Genrevertreter!