Natürlich ist der Film nicht perfekt. Eine Krise im dritten Akt ist auf merkwürdige Art gleichzeitig zu kompliziert und zu einfach geschrieben und hätte anders verlaufen oder besser gestrichen werden müssen. Aber selbst an dieser Stelle kann die Regisseurin einen der wenigen Fehler der beiden Drehbuchautor*innen Stephen Blahut und eben Hikari selbst ausgleichen.
Hikari lässt uns nicht nur Menschen sondern auch Orte sowohl emotional erfahren als auch mit dem Verstand verstehen. Tokyo ist hier nicht bloß wieder einmal eine beeindruckende Kulisse. Die Stadt besteht hier tatsächlich aus vielen verschiedenen Orten und Gegenden, die alle Lebensraum für viele verschiedene Menschen sind. Nicht jeder lebt in einem glitzernden Wolkenkratzer in Sichtweite der Shibuya-Kreuzung. Wenn wir Phillips Wohnung sehen und wie er die Aussicht betrachtet, erfahren wir, wo dieser Mensch in seinem Leben steht. Wenn wir dann sehen, wie anders der Betreiber der Agentur lebt, erfahren wir viel über ihn und sein Leben. Selbst ein Hotelzimmer erzählt uns etwas über die Gäste, die dort eine besondere Nacht verbringen.
I’m just an actor. I don’t know, how to help people
In “Rental Family” geht es immer um Menschen. Und diese Menschen werden von einem fantastischen Ensemble dargestellt. Einer der Stars des Films ist die junge Shannon Gorman. Sie spielt ein kleines Mädchen, dessen alleinerziehende Mutter Phillip als Ersatzvater engagiert, um die Chancen der Aufnahme ihrer Tochter an einer Eliteschule zu erhöhen. Shannon Gorman vermittelt uns sowohl die kindliche Verspieltheit als auch die ganze Ernsthaftigkeit, die Elfjährige in sich haben können. Ihre Figur entwickelt sich im Laufe des Films weiter, wirkt aber nie altklug. Wenn Phillip nebenbei erwähnt, seine Vorfahren seien aus Irland ausgewandert und sie fasziniert feststellt, zum Teil Irisch zu sein, möchte man das kleine Mädchen einfach nur in den Arm nehmen und festhalten.
Akira Emoto ist bei uns kaum bekannt, hat aber in Japan im Lauf von fünf Jahrzehnten in mehr als dreihundert Film- und Fernsehproduktionen mitgespielt. Er vermittelt uns, wie viel ein gealterter Schauspieler gelernt und erfahren, aber auch verloren hat. Takehiro Hira („Gran Turismo“) spielt eine Figur, die zunächst nur wenig Preis gibt. Nur langsam erfahren wir, wie weit der Betreiber der Agentur sein Spiel tatsächlich treibt.
Wie Takehiro Hira war auch Mari Yamamoto in der Fernsehserie „Monarch: Legacy of Monsters“ zu sehen. Weil ich bisher gar nicht wusste, dass uns Monster irgendwas vermacht hätten, kann ich über ihre Leistung in dieser Serie nichts berichten. In „Rental Family“ stellt sie kein bisschen theatralisch und doch absolut überzeugend eine starke junge Frau mit jeder Menge Hirn und noch mehr Herz dar. Von ihrer Figur hätte man gerne mehr erfahren, so wie wir die fähige Darstellerin demnächst gerne in größeren Rollen sehen möchten.
Man könnte sagen, Brendan Fraser hat in seiner Karriere oft Unglück im Glück gehabt. Er war immer schon ein großartiger Charakterdarsteller, der sich bereits vor bald dreißig Jahren neben Sir Ian McKellen im leider fast vergessenen „Gods and Monsters“ behaupten konnte. Aber er hatte das Unglück mit einer Komödie bekannt („Steinzeit Junior“) und mit einer Action-Fantasy-Spektakel-Reihe weltberühmt geworden zu sein („Die Mumie“, „Die Mumie kehrt zurück“, „Die Mumie: diesmal eben Terrakotta-Soldaten“). Anders als viele Darsteller, die ihre Oscars zu spät für den falschen Film bekommen haben (Leonardo DiCaprio für „The Revenant“ den Oscar, den er für „Aviator“ verdient hatte, Joaquin Phoenix für „Joker", statt für „Walk the Line“ und „The Master“ usw.) hat Fraser seinen Oscar zu früh für den falschen Film bekommen und zwar für „The Whale“ statt für „Rental Family“.
Wenigstens hatte Hikari ein glückliches Händchen, als sie ihn in der Rolle des glücklosen Schauspielers besetzt hat. Wie auch schon bei „The Whale“ darf Fraser seinen ganzen Körper einsetzen, bloß diesmal eben sehr viel subtiler. Fraser ist 192 cm groß, hatte immer schon breite Schultern und wie das bei Herren über 50 schon mal passieren kann, haben das Leben und das Erlebte irgendwann nicht mehr bloß die Schultern breit werden lassen (der Autor schreibt aus eigener Erfahrung). Unaufdringlich, rücksichtsvoll, ja richtiggehend sanft bewegt sich Frasers Figur durch Tokyo und bleibt doch schon wegen seiner äußeren Erscheinung immer weithin als „Gaijin“, als Fremder und Außenseiter, erkennbar.
Sanft lächelnd macht dieser Phillip das Beste aus seiner Rolle als „token white guy“. Wenn er sich bald zu sehr engagiert, lässt uns das auch seine eigene Einsamkeit erkennen. Wenn dieser Phillip immer ein bisschen zu viel von sich preisgibt, achten wir bald darauf, was er nicht erzählt. Aufmerksame Betrachter sehen hier die Darstellung eines Menschen als Summe seiner Erfahrungen, dessen Lebenssituation das Produkt seiner Entscheidungen ist. Fraser vermittelt mit Herz und Hirn, unaufdringlich und kein bisschen plakativ, eine tiefe Menschlichkeit, die sowohl Gefühl als auch Verstand anspricht.