Robert Pattinson als paranoider Investigativjournalist im US-Reality-Fernsehen.
Vorsicht, versteckte Kamera!
Für immer der Glitzervampir Edward? Von wegen! Wie man sich von einem einschränkenden Image emanzipiert, aus einer Schublade herauskämpft, hat Robert Pattinson im letzten Jahrzehnt eindrucksvoll bewiesen. Ob in David Cronenbergs Hollywood-Abrechnung „Maps to the Stars“ (2014), im Thriller „Good Time“ (2017) von den Safdie-Brüdern, in Claire Denis‘ Science-Fiction-Drama „High Life“ (2018), in Robert Eggers‘ Horrorkammerspiel „Der Leuchtturm“ (2019), in Matt Reeves‘ Superheldenbeitrag „The Batman“ (2022) oder in Kristoffer Borglis bitterböser romantischer Komödie „Das Drama - Noch mal auf Anfang“ (2026) – immer wieder verkörperte der britische Schauspieler in der jüngeren Vergangenheit Figuren, die nicht gerade in das klassische Hollywood-Muster des strahlenden Helden passen. Vielmehr zeichnen Ambivalenzen und Abgründe viele dieser Rollen aus.
Mit seinem neuen Film „Primetime“ führt Pattinson diese Tradition nun fort und taucht erst recht in dunkelste menschliche Untiefen ein. Zu sehen ist er in dem Thriller-Drama, das seine Weltpremiere in Venedig feierte, als Fernsehmoderator Chris Hansen, eine höchst umstrittene Persönlichkeit aus dem US-Reality-Fernsehen der 2000er-Jahre. Berühmt-berüchtigt ist dieser TV-Journalist vor allem für das zwischen 2004 und 2007 produzierte Format „To Catch a Predator“, das mutmaßliche Pädophile vor laufenden Kameras bloßstellte.
Im Glauben, zu einem Sextreffen mit einer minderjährigen Person zu kommen, wurden die betreffenden Männer über Onlinechats in eigens angemietete Häuser gelockt, wo Hansen dann urplötzlich die Bühne betrat, sie zur Rede stellte und anschließend den Behörden übergab. Kritik an seiner sensationalistischen Sendung entzündete sich vor allem an der Tatsache, dass die Macher selbst Nachrichten produzierten und die Grenze zwischen Berichterstattung und Strafverfolgung massiv verwischt wurde.
Nachdem schon der 2025 veröffentlichte Dokumentarwerk „Predators“ die Methoden des Formats und das Auftreten des Hosts gründlich hinterfragte, setzt sich nun auch „Primetime“, das Spielfilmdebüt von Lance Oppenheim, mit der Causa auseinander: Im Jahr 2006 befindet sich von vielen seriösen Kollegen belächelte Chris Hansen (Pattinson) mit seiner Reality-Show im Aufwind, obwohl selbst der auftraggebende Sender NBC mit ihr zu fremdeln scheint. Programmchef Jeff Zucker (spielt sich selbst) kann, so sagt er, mit „To Catch a Predator“ wenig anfangen. Da die Zuschauer allerdings Interesse zeigen, hievt er die Sendung kurzerhand in die Primetime und lässt sie ausgerechnet gegen den Mystery-Hit „Lost“ auf ABC antreten.
Fiebriger Sog
Chris und seine Produzentin Andie Bender (zumindest in der Originalfassung aufgrund ihres eigenwilligen Sprachduktus sehr prägnant: Merritt Wever) können ihr Glück kaum fassen, sehen sich aber auch gezwungen, immer aufsehenerregendere Enthüllungen zu inszenieren. Während Hansen sich in den Gedanken hineinsteigert, dass jemand seine eigenen Verfehlungen ans Licht zerren will, träumt der Jungschauspieler Dan Plumb (Skyler Gisondo) von einer Hollywood-Karriere. Die Realität sieht allerdings etwas anders aus: Als Lockvogel unterstützt er Chris und Andie bei ihrer Jagd nach Pädophilen. Dass es dabei irgendwann zu einem großen Knall kommt, ist keine Überraschung.
„Primetime“ weckt Erinnerungen an den 2014 erschienenen Thriller „Nightcrawler - Jede Nacht hat ihren Preis“, in dem Jake Gyllenhaal als skrupelloser Reporter brillierte, der das Frühstücksfernsehen mit Schockbildern von Unfällen und Verbrechen versorgt. In gewisser Weise ist auch Oppenheims Debütarbeit das Porträt eines Besessenen und bietet einen ungeschönten Blick auf den zynisch-quotenorientierten Medienzirkus. Als Charakterstudie zieht der Gyllenhaal-Film aber noch mehr in den Bann, da das Chris-Hansen-Projekt einige Fragen offen lässt. Was die Darstellung des knallharten TV-Geschäfts betrifft, reißt „Primetime“ bekannte Auswüchse oft nur an, ohne einen genaueren Blick auf die Mechanismen im Hintergrund zu werfen.
Dass man dennoch hineingesogen wird in den unheilvollen Strudel der Ereignisse, liegt nicht nur an Robert Pattinsons eindringlicher Performance. Passend zum stetig paranoider und angespannter werdenden Protagonisten verdichtet sich auch die von Anfang an unbehagliche Atmosphäre immer mehr. Oppenheim, der ursprünglich aus dem Dokumentarfilmbereich kommt, erzeugt über einen nervös-treibenden Score, über expressive Farbenspiele und krisselige, schummrig ausgeleuchtete Bilder, die mitunter regelrecht dreckig wirken, ein gefährliches Brodeln. Mit der Zeit wähnt man sich fast in einem Horrorstreifen, was angesichts der finsteren Thematik überhaupt nicht abwegig ist.
Fazit
Dank einer fiebrig-hypnotischen Inszenierung und eines gut aufgelegten Robert Pattinson weiß das von wahren Begebenheiten inspirierte Thriller-Drama trotz einiger Leerstellen und Klischees zu fesseln.