Dystopisches Kino deutscher Provenienz nach Bestsellervorlage.
Aktueller denn je
„Santé!“ So lautet die allgemein gültige Grußformel im Deutschland einer nicht allzu fernen Zukunft, das die von Lena Stahl inszenierte Bestsellerverfilmung „Corpus Delicti“ an die Wand wirft. „Gesundheit“ wünscht man sich hier bei jeder Gelegenheit, denn Gesundheit ist die oberste Währung in einem Staat, der sich einem System namens „Methode“ unterworfen hat. Persönliche Daten aller Bürger, selbst kleinste körperliche Details, werden ständig erfasst, abgeglichen. Eine gläserne Welt, deren größtes Versprechen Unfehlbarkeit ist. Dank des konstanten Informationsflusses lässt sich jede Frage aufschlüsseln, bleibt kein Zweifel zurück. Das zumindest behaupten diejenigen, die an den Schalthebeln der Macht sitzen.
Erdacht hat sich diese Welt, dieses futuristische Deutschland die Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh, zunächst in einem 2007 uraufgeführten Theaterstück mit dem Titel „Corpus Delicti“, das sie unter demselben Namen zu einem 2009 erschienenen Roman ausbaute. Nun, wiederum 17 Jahre später, erreicht die in Zeiten rasanter KI-Fortschritte längst überfällige Adaption des Bestsellers die deutschen Kinosäle. Eine dystopische Geschichte, wie man sie aus unseren Breitengeraden nur selten zu sehen bekommt, obschon das Genre nicht erst seit den Verwerfungen der Covid-Pandemie generell boomt.
Im Zentrum der filmischen Handlung steht die Neurologin Mia Holl (Hannah Herzsprung), die drauf und dran ist, mit ihrer Forschung in bahnbrechende Bereiche vorzudringen. Zusammen mit ihrer Kollegin Christiane Bülow (Haley Louise Jones) schafft sie es, Erinnerungen und Gedanken aus dem Gehirn eines Patienten auszulesen. Als Wissenschaftlerin fühlt sie sich ganz dem Analytischen verbunden und steht daher zu Beginn noch rückhaltlos hinter der „Methode“.
Etwas schematisch zeichnet das von der Regisseurin verfasste Drehbuch Mias Bruder Moritz („Maxton Hall“-Star Damian Hardung), der natürlich das genaue Gegenteil repräsentiert. Der junge Mann mit den oft prominent in Szene gesetzten Muskeln ist ein kerniger Naturbursche, der der allumfassenden Überwachung wenig abgewinnen kann und den es immer wieder, verbotenerweise, in die außerhalb der Städte liegenden Sperrzonen zieht.
Unterkühlte Schauplätze
Als Moritz eines Tages wegen Vergewaltigung und Mordes verhaftet wird, da seine DNA-Spuren an der Leiche gefunden wurden, bricht für seine Schwester eine Welt zusammen. Einerseits möchte sie den Glauben an die Macht der Daten nicht aufgeben, andererseits bereiten ihr seine Unschuldsbeteuerungen Kopfzerbrechen. Was, wenn wirklich jemand anderes die Tat begangen hat? Könnte es sein, dass die „Methode“ doch nicht so perfekt ist, wie alle meinen? Und: Welche Absichten hat der undurchsichtige Journalist Heinrich Kramer (in seiner stereotypen Rollen unterfordert: Alexander Fehling), der sich zunehmend für Mia interessiert?
„Corpus Delicti“ betritt sicherlich kein unbekanntes Terrain. Schon Andrew Niccols Science-Fiction-Drama „Gattaca“ skizzierte vor 29 Jahren eine futuristische Gesellschaft, in der die Optimierung des Menschen großgeschrieben wird. Wie gesund ist die permanente Kontrolle für das geistige Wohlbefinden? Wie viel Individualität, wie viel Freiheit wollen wir aufgeben, um uns rundum sicher zu fühlen? Derartige Fragen schwingen in Mias Story immer mit, werden aber oft nur stichwortartig in den Raum geworfen.
Statt die existenziellen, die ethischen Dimensionen des Zukunftsszenarios zu sezieren, wendet sich der Film allzu bereitwillig seinen Krimielementen zu. Mehr als solides „Tatort“-Niveau erreicht „Corpus Delicti“ dabei jedoch nicht. Sprich: Die Spannung bleibt überschaubar. Mias Entwicklung von der Verfechterin des Status quo zu dessen Bekämpferin folgt eingeübten Mustern, hält kaum große Überraschungen bereit. Da kann Hannah Herzsprung ihre Rolle noch so beherzt ausfüllen.
Raum für Behaglichkeit, Gemütlichkeit gibt es in der hier beschriebenen Gesundheitsdiktatur nicht. Vielmehr wirkt die Welt beklemmend aseptisch und funktional. Das von Christian M. Goldbeck verantwortete Szenenbild, die kühl ausgestatteten, teils brutalistischen Schauplätze verströmen etwas beklemmend Unpersönliches. Der im deutschen Kino weit verbreitete Hang zur Überinszenierung beschneidet die atmosphärische Wirkung allerdings wiederholt. Die von Volker Bertelmann und Lennart Saathoff komponierte Musik pumpt sich häufig zu sehr auf. Und unfreiwillig komisch erscheint der sonnenbebrillte Auftritt einer von Imogen Kogge gespielten Vertreterin des „Methode“-Apparats. Genau so stellt man sich Klischeeschurkenfiguren vor.
Bei genauerem Hinsehen krankt die „Corpus Delicti“-Adaption zudem daran, dass sie ihr futuristisches Setting nicht ganz glaubwürdig entwirft: Warum lassen sich die Menschen vom Versprechen der Unfehlbarkeit blenden, wenn doch das System der Datenanalyse relativ leicht mit technischen Hilfsmitteln wie den von Moritz genutzten Patches zu umgehen ist? Müssten in den Straßen nicht viel mehr Drohnen umherfliegen, als wir die meiste Zeit zu sehen kriegen? Und warum scheint die von der „Methode“ eingesetzte KI, der eigentlich alle Informationen zugeführt werden sollten, manche Dinge nicht zu wissen – etwa, warum Mia nach der Verhaftung ihres Bruders so bedrückt ist? Alles andere als günstig, wenn sich mehrfach die Gelegenheit bietet, über solche Dinge nachzugrübeln.
Fazit
Statt eines messerscharfen Blicks auf eine gruselige Gesundheitsdystopie bekommt das Publikum einen leidlich spannenden Krimi mit Scifi-Touch und Zug ins Thesenhafte serviert. Die Möglichkeiten des hochaktuellen Stoffes hätte man sicher konsequenter nutzen können.