Hundefilme haben den großen Vorteil, dass es keine schlechten Hunde gibt …
Just a bad dream
Auszug aus der Einladung zur Pressevorfühung: „Nach einem verheerenden Flugzeugabsturz finden sich der Special-Forces-Offizier* James Belmont (Brad Pitt) und sein Militärhund Odin tief in der Wildnis Alaskas gestrandet wieder. Gemeinsam sind sie gezwungen, einen brutalen Kampf ums Überleben gegen die Elemente zu führen. „Eiserne Wildnis - Heart of the Beast“ des gefeierten Filmemachers David Ayer ist ein packender Abenteuerthriller, der von der unzerbrechlichen Verbindung zwischen einem Mann und seinem besten Freund erzählt, während sie sich ihrer bislang größten Herausforderung stellen.“
Ich bin nun mehr als ein halbes Jahrhundert alt. Im Laufe dieser Zeit bin ich sicher jeweils einer siebenstelligen Zahl von Menschen und einer sechsstelligen Zahl von Hunden begegnet (und habe auch sicher eine sechsstellige Zahl von Filmen gesehen). Von all den Menschen, denen ich begegnet bin, waren ein Drittel Idioten. Einer von zehn war ein echtes Arschloch. Währenddessen gab es unter all den Hunden keinen einzigen, der ein schlechter Hund war. Natürlich gab und gibt es Hunde mit Problemen. Aber diese Probleme wurden immer von Menschen verursacht. Meistens, aber nicht immer von den Idioten und allzu oft von Arschlöchern. Dass sie nichts Gutes einfach gut bleiben lassen können, ist es doch, was Arschlöcher ausmacht.
Ich weiß nicht, ob es so etwas wie einen Gott oder einen Himmel gibt. Tatsächlich meine ich, die Antwort auf diese Frage sollte für uns keinen Unterschied machen und wir alle sollten unser Leben so leben, dass es hier, auf dieser Seite des großen Tores in den Wolken, Sinn ergibt. Aber sollte ich irgendwann mal tatsächlich vor jenem Tor stehen, erwarte ich auf der anderen Seite ungeduldiges Gebell zu hören.
Nun muss also niemand meine Rezensionen zu Filmen wie „Alpha“, „Enzo und die wundersame Welt der Menschen“, „Mein Freund Barry“ oder auch nur „Geostorm“ oder „Lloranas Fluch“ gelesen haben, um zu wissen, wie ich zu Hunden stehe. Man darf mir also glauben, dass ich durchaus positiv gestimmt war, als ich mich zur Pressevorführung von „Eiserne Wildnis - Heart of the Beast“ aufgemacht habe. Das hat aber nur vorgehalten, bis ich die ersten paar Minuten davon gesehen habe. Während der nächsten 95 von extrem mittelmäßigen und plump manipulativen 100 Minuten hat sich diese positive Stimmung schnell verflüchtigt und ist teilweise in Ärger umgeschlagen.
Ich konnte zunächst nicht recht entscheiden, was schlimmer war: das wirklich ungeschickte Drehbuch von Cameron Alexander, der bisher nur die Drehbücher zu drei Kurzfilmen verfasst hat. Oder die wirklich schlampige Regie von David Ayer („Fury“, „A Working Man“). Ich kann aber ganz klar feststellen, beide verstärken ihre negative Wirkung gegenseitig.
Wenn das Drehbuch so tut, als wäre es für einen erfahrenen Veteranen der Special-Forces und seinen ebenso erfahrenen Hund ein großes Problem, 59 (in Worten: gerade mal neunundfünfzig) Meilen in der Wildnis von Alaska zurückzulegen, ist das schon reichlich doof. Immerhin sind die beiden unter anderem genau für derlei ausgebildet worden. Wenn die Regie den menschlichen und den caninen Hauptdarsteller regelmäßig in den wunderschönsten und wanderbarsten Gegenden zeigt, um den Menschen dann in der nächsten Szene feststellen zu lassen, man habe heute nur 7 Meilen geschafft, ist das nur noch lächerlich. 7 Meilen?! Soll das ein Witz sein? In der vorletzten Szene hat man die beiden doch durch eine wunderschöne, sanfte Ebene marschieren sehen, die sich in jede Richtung doppelt so weit ausgedehnt hat!
Stand by me
Was war denn bitte mit den verschiedenen Produzenten los (einer davon Hauptdarsteller Brad Pitt), dass sie Regisseur David Ayer nie erklärt haben, dass man Alaska als bedrohliche Wildnis zeigen oder ein Fremdenverkehrsvideo für den 49. Bundesstatt drehen kann, aber doch bitte nicht beides gleichzeitig? Den größten Teil der Zeit sehen wir hier Landschaften, in der ein alter Mann wie ich 7 Meilen in zwei Stunden schaffen würde. In gefährliche Situationen geraten die beiden Protagonisten überhaupt nur, weil der menschliche Held sich regelmäßig anstellt, als hätte er sich vor Beginn des Films noch nie mehr als 500 Meter vom nächsten Starbucks entfernt. Wir haben in Horrorfilmen schon Cheerleaderinnen in den Wald laufen gesehen, die sich dort nicht so blöd angestellt haben, wie der erfahrene Frontsoldat in diesem Film.
Klischees wie aus einem Horrorfilm sind auch die bitterbösen Wölfe, die in diesem Film die beiden Veteranen tagelang verfolgen, statt sich in der Wildnis von Alaska an der reichen Auswahl viel leichterer Beute zu bedienen. Muss ich erwähnen, dass die Augen der bösen Wölfe im Dunkeln leuchten? Denn natürlich leuchten sie, damit auch wirklich jedem noch so unaufmerksamen Betrachter klar ist, wie böse diese Wölfe sind.
Drehbuch und Regie machen einander gegenseitig und in weiterer Folge dem Publikum immer wieder das Leben schwer. Warum beginnt der Film mit einer Szene, die uns ganz klar zeigt, welcher der beiden Protagonisten am Ende ganz allein wieder auf Menschen treffen wird, um dann den Schriftzug „1 week earlier“ einzublenden und die ganze Geschichte in einer Rückblende zu erzählen? Was sollte das? Alexanders Drehbuch wäre auch ohne diesen unnötigen Kunstgriff schon schrecklich vorhersehbar gewesen und Ayers Regie hätte auch so nie richtig Spannung aufkommen lassen. Also wozu sollte das gut gewesen sein?
Muss ich noch von den Herzproblemen der menschlichen Hauptfigur erzählen? Ja, dieser supercoole Typ hat es für eine gute Idee gehalten, mit schlimmen Herzproblemen, für die er ständig Tabletten nehmen muss, sein Wasserflugzeug ohne menschlichen Copiloten durch Alaska zu steuern. Wofür die Tabletten gut sind, die er dauernd einwirft und die dann natürlich ausgehen, ist unklar. Immerhin erleidet der Held die Herzattacke, die zum Flugzeugabsturz führt, als er noch jede Menge dieser Tabletten hatte.
Vielleicht sind die Tabletten wirklich nur dazu da, damit Brad Pitt wenigstens irgendwas zu tun hat, während er wie im Halbschlaf durch dieses Fragment einer Rolle stolpert. Pitt ist sicher nicht der größte Mime unserer Zeit. Aber er kann unter der richtigen Regie und mit dem richtigen Drehbuch enorme Wirkung entfalten („Once Upon a Time in Hollywood“, „F1“). Unter schwacher Regie und mit dem falschen Drehbuch kann er aber auch in der Szenerie verloren gehen wie in „AD Astra“ oder eben hier.
J. K. Simmons darf seit seinem Oscargewinn für „Whiplash“ jede Menge Nebenrollen sowohl im MCU als auch dem DCU und in vielen weiteren unterschiedlichen Filmen spielen. Diese Nebenrollen sind nur selten gut geschrieben (wie etwa in „Palm Springs“) und leider oft reine Makulatur („Juror #2“, „Red One“). Seine Rolle hier wirkt, als hätte jemand vor Drehbeginn festgestellt, dass man Brad Pitt nicht die ganze Zeit nur mit einem Hund sprechen lassen kann.
Sehenswert an diesem wirklich schwach und schlampig gemachten Film sind nur die Leistungen von Uber, Seeker, Ryker und Hondo. Sie sind die Darsteller der zweiten Hauptfigur, des Hundes Odin. Uber, Seeker, Ryker und Hondo sind gute Hunde. Nicht wegen, sondern trotz ihrer Mitwirkung an diesem Film.
Fazit
Es gibt keine schlechten Hunde, aber es gibt schlechte Hundefilme. So wie diesen schlampig gemachten, arg manipulativen Abenteuerfilm, der hinten und vorne nicht funktioniert.
*Hinweis: Brad Pitts Figur im Film hatte den Rang eines Sergeant Major. Damit war er ein hochrangiger Unteroffizier und kein Offizier. Aber das war nicht die einzige Fehlinformation in der Einladung zur Pressevorführung.